Inklusion - ein Beispiel aus dem 5. Jahrgang

Ein Interview von Runa Passauer, Marie Kahl und Lara-Joy Thamm mit Anastasia

 

Seit diesem Schuljahr geht Anastasia in der IGS Garbsen in die 5. Klasse. Durch eine angeborene Einschränkung des Sehvermögens benötigt sie eine Schulbegleitung und einen Blindenlehrer. Der Klassenraum, der für sie ausgewählt wurde, musste viel Tageslicht haben und hell sein. Es wurde Platz für zusätzliche Geräte und ihre Begleiter benötigt. Für Anastasias Lesegerät mussten im Klassenraum neue Kabel verlegt werden. Außerdem sollte sie einen direkten Blick auf die Tafel haben. Ihr Tisch ist höhen- und neigungsverstellbar und hat eine spezielle Schreibtischlampe. Hier kann Anastasia mithilfe des Lesegerätes nicht nur das Tafelbild vergrößert sehen, sondern auch alle anderen Arbeitsmaterialien.

 

 

Anastasia an ihrem Lesegerät im Klassenraum - hier wird beim oberen bzw. linken Bild zum Beispiel gerade das Tafelbild vergrößert

 

Wie war dein Start an der IGS Garbsen?

Mein Start war ganz gut. Eine Freundin und drei weitere Kinder sind mit mir zusammen hierher gekommen. Ich habe von Anfang an sehr gut mitgemacht. Die Schule macht mir Spaß, die Lehrer sind sehr nett und ich fühle mich hier wohl. Außerdem gefällt mir der Schulhof mit den Bäumen. Das Essen im Juniorclub finde ich auch toll!

Was waren zu Beginn besondere Herausforderungen für dich?

Am Anfang viel es mir schwer mich zurechtzufinden, da die Schule sehr groß ist. Ich hatte Angst mich zu verlaufen.

Was hat deine Klasse in der Projektwoche gemacht?

Zuerst haben wir eine Fahrradkontrolle gemacht, ich durfte den Polizisten bei der Kontrolle helfen und musst aufschreiben, welche Fahrräder verkehrssicher sind und welche nicht. Als Belohnung habe ich dann sogar einen Polizeistift bekommen! Dann sind wir zu allen Mitschülern nachhause gefahren. Bei manchen durften wir sogar die Zimmer sehen oder im Garten spielen und haben etwas zu Essen und zu Trinken bekommen. Die Route mussten wir vorher selber planen.

Wie bist du mit dem Fahrrad gefahren?

Ich bin mit meiner Schulbegleiterin auf einem Tandem gefahren. Das war ganz neu für mich.  Wir mussten alle Warnwesten tragen, damit die Autos uns besser sehen.

Hattest du Angst auf dem Tandem zu fahren oder damit umzufallen?

Nein, ich hatte keine Angst mit dem Tandem zu fahren. Umgekippt sind wir auch nicht! Ich konnte mich beim Fahren sogar entspannen. Einmal habe ich meiner Betreuerin etwas aus ihrem Rucksack geholt und dabei das Lenkrad ganz losgelassen. Das war total aufregend!

 

 

  

Erste Fahrversuche: Anastasia und ihre Schulbegleiterin auf dem Tandem

 

 

Wenn du an die Projektwoche zurückdenkst, was ist dir in Erinnerung geblieben?

Wir haben einen tollen Film über Fahrräder geguckt und wie man sie verkehrssicher macht. Den fand ich schön.

Was hat dir gefallen oder nicht gefallen?

Eigentlich hat mir alles sehr gut gefallen. Es gab keinen Moment, in dem ich mich nicht glücklich gefühlt habe. Einige Autos haben zur Begrüßung gehupt, das hat mich gefreut!

Hast du ein Lieblingsfach? Wenn ja, welches?

Ich mag Deutsch, Kunst und Musik sehr gerne. Ich habe schon viele ZEs in Tests geschreiben. In Kunst male ich am liebsten.

 

Gerne malen trotz Sehbehinderung!? - Anastasia beweist, dass es geht! Hier hat sie Anna (Figur aus dem Buch "Elsa" ) im "Unicornstil" gemalt, wie sie erklärt. Die Hauptfigur Elsa ist ein Mädchen mit besonderen Kräften.

 

Was kannst du besonders gut?

Ich kann gut hören und viele meiner Freunde sagen, ich kann sehr gut singen! Früher habe ich in einem Chor gesungen und vielleicht mache ich das auch bald wieder.

Was siehst du?

Ich kann Dinge, die nah sind, gut sehen und Dinge, die weit weg sind, schlechter.

Was bedeutet das für deinen Alltag?

Manche Dinge kann ich deshalb nicht so gut machen wie andere. Zum Beispiel Treppen hinauf und hinunter laufen. Da kann es passieren, dass ich die Stufenkante übersehe und hinfalle. Das ärgert mich manchmal, denn ich möchte auch gerne schnell laufen, wenn die anderen das machen. Außerdem darf ich nicht viel zocken, also am Computer spielen. Weil ich nicht so gut sehen kann, verliere ich schneller. Das ärgert dann meine Geschwister.

Wie kommst du zur Schule?

Ich werde vom Deutschen Roten Kreuz zur Schule gefahren. Das ist toll! Hier habe ich einige Freunde gefunden. Mit manchen treffe ich mich auch nach der Schule, aber oft sehe ich sie nur im Bus. Wir werden immer in der gleichen Reihenfolge abgeholt und dann in der umgekehrten Reihenfolge wieder nach Hause gebracht.

Wie orientierst du dich in der Schule?

Viele Wege kenne ich jetzt schon sehr gut und gehe sie allein, z.B. den Weg zum Juniorclub, zur Mensa oder zum Computerraum. Neue Wege gehe ich nur in Begleitung entweder von anderen Schülern oder meiner Schulbegleiterin. Die Pausen verbringe ich aber ohne sie. Ich bleibe oft im Jahrgang, spiele aber auch gerne mit anderen draußen.

Wo warst du in der Grundschule?

Ich bin auf die James-Krüss-Grundschule gegangen. Aber die Kinder und die Lehrer waren nicht so nett zu mir. Außerdem haben die Schulassistenzen oft gewechselt. Das war nicht einfach für mich und meine Eltern. Auf der neuen Schule ist das zum Glück anders.

Hilft dir jemand bei der Auswahl deiner Kleidungsstücke?

Meine Mama hilft mir bei der Auswahl der Klamotten.

Was machst du in deiner Freizeit?

Ich spiele gerne mit Puppen, entspanne nach der Schule oder spiele auch manchmal draußen mit meinen Freunden oder mit meinen vier Geschwistern. Ich singe hoffentlich bald wieder in einem Chor!

In welchen Bereichen kommst du ohne Hilfe aus und in welchen gar nicht?

Ich brauche nicht viel Hilfe im Alltag, ich bin ja nicht blind! Blindenschrift, einen Blindenstock oder einen -hund benötige ich nicht! Aber in der Schule habe ich ein Lesegerät, das mir hilft, Dinge besser zu erkennen. Ansonsten kann ich alles mitmachen, auch Klassenfahrten und Ausflüge, denn ich habe ja die Schulbegleiterin, die mir hilft!

 

Am Lesegerät kann alles vergrößert werden. Das ist eine wichtige Hilfe für Anastasia.

 

Kannst du ohne das Lesegerät lesen?

Ja, dann nutze ich eine Hellfeldlupe (Lesestein) und eine Tageslichtlampe. Außerdem ist ja immer meine Schulbegleiterin dabei, die mir hilft, wenn es nötig ist. 

 

 

 

Anastasia mit ihrem Lehrer Herr Norbert Brietzke beim Erledigen von Mathematikaufgaben auf der Jahrgangsfläche. Hier sieht man die Lupe, mit der Anastasia arbeitet, wenn sie das Lesegerät nicht nutzen kann.

 

 

 

Lara-Joy Thamm, Marie Kahl und Runa Passauer (Fotos)