Abreise ins Ungewisse (Bild: fotolia)

Abreise ins Ungewisse (Bild: Fotoliia)

 

Ohne Deutschkenntnisse machte sich Adina Cristea (12. JG, IGS Garbsen) vor zwei Jahren mit ihren Eltern und acht weiteren Geschwistern Hals über Kopf auf den Weg von Rumänien nach Deutschland. Hier wagte die Familie einen Neustart. Adina (19) berichtet von ihrem ersten Eindruck und dem schweren Anfang.

 

Du kommst ja aus Rumänien. Weshalb seid ihr eigentlich ausgerechnet nach Deutschland gekommen?

Mein Vater arbeitete immer im Ausland und war ganz lange weg. Eines Tages sagte Mama, dass sie und Papa entweder beide versuchen wollten, in Rumänien zu arbeiten und dort zu bleiben oder, dass wir alle gemeinsam in ein anderes Land ziehen werden. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete mein Vater in Deutschland, weshalb sie beschlossen hierher zu ziehen. Es war auch ein Vorteil, dass meine Eltern und eine meiner Schwerstern bereits Deutsch konnten. Meine einzigen Deutschkenntnisse bestanden jedoch darin, bis zehn zu zählen und das war's auch.

 

Was hältst du von der Politik Rumäniens?

Ich interessiere mich nicht für Politik, aber der größte Missstand ist, dass das Land korrupt ist. Ich möchte nicht alle in einen Topf werfen, aber überall, wo du hingehst, kannst du dir mit Geld alles erschaffen. Wenn du kein Geld hast, helfen dir auch keine Krankenkassen, auch wenn du bald stirbst. Dir wird nicht geholfen, du wirst ohne Respekt behandelt oder sogar beleidigt.

 

Wie seid ihr hier her gekommen – elf Personen passen ja nicht mehr in ein Auto?

Meine Familie kam mit zwei Autos und einem LKW für die wichtigsten Sachen.

 

Was ist mit euren Möbeln?

Unsere Möbel haben wir nicht mitgenommen. Wir haben alles da gelassen und in Deutschland einfach neue Möbel gekauft.

 

Was war dein erster Eindruck von Deutschland?

Das Wetter gefiel mir nicht so sehr. Das Wetter war in Rumänien besser. Also in Rumänien ist der Winter richtig kalt und der Sommer ist richtig warm. Im Sommer hatten wir auch drei Monate Ferien, weil es zu warm war, um zur Schule zu gehen. Aber ich finde, in Deutschland gibt es das gleiche Wetter das ganze Jahr über. Ja, im Sommer zwei Wochen vielleicht schönes Wetter, aber das war's auch. Das ist die einzige Sache, die mir nicht gefällt. Außerdem habe ich mich nicht wie ein Ausländer gefühlt. Nachdem ich die Sprache konnte, war es wie zu Hause. Die ganzen Schüler waren richtig freundlich. Jedoch ist mir noch aufgefallen, dass die Deutschen zu viel arbeiten. Auch mein Vater.

 

Vermisst du eigentlich deine Freunde oder Familie, die du zurückgelassen hast?

Eigentlich nicht, da wir schon ganz oft umgezogen sind wegen Papas Arbeit. Ich glaube wir sind schon so zehn- oder elfmal umgezogen. Ich bin eine sehr offene Person. Ich finde ganz schnell neue Freunde. Natürlich vermisse ich sie, manchmal schreiben wir auch. Aber es fällt mir nicht so schwer umzuziehen. Und Familie habe ich in Rumänien nicht viel. Wir sind eigentlich auf der ganzen Welt verteilt. Ich habe Verwandte in Norwegen, in Korea und in Amerika.

 

War allgemein der Anfang schwer für dich?

Ja, der Anfang war richtig schwer. Also, ich kann mich noch erinnern, die Klassenkameraden haben mir immer alles erklärt, wenn ich es nicht verstanden habe. Die ersten zwei oder drei Monate saß ich jeden Tag im Unterricht, sah mir die Tafel an und verstand einfach nichts. Es war so schwer. Ich bekam immer Kopfschmerzen. Zuhause fing ich an, die ganzen Texte, die wir im Unterricht bekamen, Wort für Wort zu übersetzen, um die Texte überhaupt zu verstehen. Und nachdem ich die Texte verstand, habe ich versucht die Hausaufgaben zu machen. Aber das war auch schwer.

 

Wie ergeht es deiner Familie - wie hat deine Mutter den Neustart erlebt, wie deine kleineren oder größeren Geschwister?

Meine Mutter hatte es am schwersten von uns allen, da sie die ganzen Papiere, Schulanmeldungen usw. erledigen musste. Außerdem hatten zwei meiner Brüder es schwer. Mein einer Bruder gewann vor kurzem den 1. Platz in Leichtathletik in Rumänien  und sollte im Sommer nach Australien. Er versuchte es anschließend in Garbsen, war jedoch enttäuscht und hörte mit Leichtathletik auf. Mein anderer Bruder wollte zurück, da er dort endlich Freunde gefunden hatte und nicht neue Freunde suchen wollte. Mit der Zeit haben sich aber beide gut integriert und viele Freunde gefunden.

 

Du hast die Wahl: Deutschland oder Rumänien?

Deutschland auf jeden Fall!

 

Wieso Deutschland?

Also, ich finde Rumänien ist ein sehr schönes Land. Besonders die Landschaft. Ich denke, in der Schule lernen die Schüler dort viel mehr als in Deutschland. Überhaupt musste man in Rumänien viel mehr für die Schule tun. Mir gefällt das ganze Schulsystem in Deutschland aber einfach besser. Deren Schulsystem ist ein bisschen anders. Bereits in der Grundschule war es so wie in der Universität in Deutschland. Vorne sprach der Lehrer die ganze Zeit und du musstest zuhören, mitschreiben und in der nächsten Stunde schon alles können. Allgemein gefällt mir hier, dass alles gerecht, rechtzeitig und verlässlich ist. Pünktlichkeit mag ich auch ganz gerne. Ich finde es super, was für Möglichkeiten die Jugendlichen hier haben. Zum Beispiel kannst du arbeiten, wenn du ein bisschen Geld verdienen möchtest. So etwas gab es in Rumänien nicht. Später möchte ich wahrscheinlich in Deutschland oder Norwegen studieren. Ich überlege noch. Ich kann auch norwegisch sprechen!

 

Was würdest du anderen Ausländern, die neu nach Deutschland kommen, raten, damit auch ihr Neustart gelingt?

Ich würde ihnen raten, sich schnell deutsche Freunde zu suchen und viel zu lernen! Zum Glück ist das ja als Schüler nicht so schwer!

 

Das Interview führten Bircan Sahin (1102) und Asya Aksoy (1102)

JSN Megazine template designed by JoomlaShine.com