Das Schülerreporterteam mit Herrn Bastian Gleitze im Johannesstift Hannover

 

Herr Bastian Gleitze engagiert sich als Sehbehinderter in einer Jugendgruppe des BVN, dem Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen e.V. in Hannover. Er stand uns im Johannesstift Hannover zu einem Interview zur Verfügung, um uns Frage zu seinem Leben und seinem Engagement als Sehbehinderter zu beantworten.

 

Wie lange sind sie schon sehbehindert?

Ich habe den Augenfehler seit meiner Geburt.

 

Wo liegen besonderen Herausforderungen im Alltag?

Die Orientierung draußen ist manchmal ein Problem. Ich habe aber kaum Schwierigkeiten, denn ich bewege mich meist nur in vertrauter Umgebung und wenn ich mal Hilfe brauche, dann frage ich nach, z.B. an einer fremden Haltestelle. Meistens sind die Leute hilfsbereit!

Eine Herausforderung ist gerade meine neue Arbeit: Ich bin jetzt Sport-Inklusionsmanager beim TKH, also dem Turn-Klub Hannover, das ist der größte Sportverein in der Stadt, und soll dort den Behindertensport aufbauen. Da habe ich sehr viele neue Kollegen und das ist erst einmal schwierig, denn ich kann sie noch nicht so gut auseinander halten, weil ich sie ja nur an ihren Stimmen erkennen kann!

 

Lesehilfe mit Punktschrift am Computer (Bild: fotolia)

                                                                                                      

                                                                     

Haben sie besondere Hilfsmittel, mit denen sie diese Herausforderungen meistern?

Ich habe einen Blindenstock, aber ich bin ja nicht ganz blind. Ich kann noch so ungefähr 4% sehen. Ich habe ein eingeschenktes Gesichtsfeld und kann entferntere Dinge mit einem Fernglas sehen. Mit dem Iphone kann man auch ganz viel machen. Dann habe ich für das Arbeiten zuhause eine Lesehilfe mit Punktschrift, die legt man vor die Tastatur, Kopfhörer für Sprachausgaben und Geräte, die den Text einscannen und mit deren Hilfe man sich den Text dann anhören kann, sind auch sehr nützlich. Das ist eigentlich das Wichtigste!

 

unverzichtbar: Der Blindenstock (Bild: fotolia)

 

Wie orientieren sie sich in einem Raum?

Mein Gehör ist besser als meine Augen, und so kann ich z.B. schätzen, wie groß ein Raum ist. Teppichboden klingt anders als Fliesenboden … Ich merke mir markante Punkte, wie eine Säule … Wenn ich öfter irgendwo entlang gehe, dann merke ich mir das.

 

Engagieren Sie sich auch außerhalb der beruflichen Arbeit für Blinde?

Ich betreue zusammen mit einem Freund eine Jugendgruppe (bis zum Alter von 35 Jahren) beim BVN, dem Blinden- und Sehbehindertenverband. Wir organisieren und planen Ausflüge und Fahrten. Wir setzen uns aber auch einfach nur beim Stammtisch zusammen und tauschen uns aus. Manchmal machen wir solche Fahrten, z.B. nach Köln. Dort waren wir z.B. im Schokoladenmuseum.

 

Wie kam es dazu, dass sie die Gruppe gegründet haben?

Ich habe mit meinem Freund die Gruppe gegründet, um anderen zu helfen. Es ist eine gute Sache, denn man unternimmt etwas, auch politisch – das ist echt cool. So hat man immer Freunde!

 

Welche Rolle spielt ihr Handy in ihrem Leben?

Ich benutzte mein Handy generell sehr viel, und ich kann damit Texte lesen oder Bilder erkennen. Es hilft mir auch bei der Bewegung im öffentlichen Raum, z.B. beim Bahnfahren. Ich kann den Plan nicht lesen und da hilft mir die Bahn-App.

 

Das Handy als große Hilfe - v.a. Apps liefern wichtige Informationen (Bild: fotolia)

 

Welche Apps benutzen sie im Alltag am häufigsten?

Neben der Bahn-App, höre ich E-Books oder Zeitungs-Apps, denn eine normale Zeitung kann ich nicht lesen. So bekomme ich durch die App mit, was in der Welt los ist. Es gibt auch Apps, die Farben erkennen, die brauche ich aber nicht so häufig.

Ich benutze das Iphone, weil es schon eine Sprachausgabe hat. Daneben ist der KFB-Reader, der Geschriebenes in eine Sprachnachricht verwandelt, besonders wichtig.

Und ich benutzte fürs Kino die App Greta, da kann man sich die Beschreibung im Vorfeld herunterladen und dann kann man es sich im Kino eine richtige Erklärung zu den Szenen des Films anhören. Das kann man sich auch anhören, wenn man sehen kann, die App ist frei verfügbar. Man bekommt einfach mehr mit!

 

Wie verlief ihre Schulzeit?

Ich war bis zur 10. in Hannover in einer Sehbehinderten-Schule. Dann bin ich nach Marburg gegangen und da waren Sehbehinderte und Blinde zusammen und da habe ich dann mein Fach-ABI gemacht. Dann bin ich nach Mainz gegangen und habe dort eine Ausbildung zum Physiotherapeuten gemacht. Dort waren Sehende und Blinde – das war ganz cool!

 

Könnte es passieren, dass sie im Laufe ihres Lebens ihre ganze Sehstärke verlieren?

Es ist jetzt nicht sehr wahrscheinlich, aber man weiß es nie genau. Also ich habe jetzt keine Krankheit, die sich immer verschlechtert. Es könnte auch sein, dass es immer so bleibt.

 

Könnten Sie Vorurteile nennen, die Sehende gegenüber Blinden haben?

Manche denken, dass man hilflos sei, aber man muss sich einfach nur etwas länger orientieren. Manche denken, man könnte weniger machen. Das stimmt aber nicht, denn man muss sich nur trauen und loslegen. Flugzeug fliegen geht vielleicht nicht, dafür aber vieles andere! Ich bin z.B. schon Ski gelaufen, geritten, ich habe einen Surf-Schein. Gerade im Sportbereich kann man viel machen! Man muss Spaß daran haben, etwas zusammen mit anderen zu tun.

 

Welche Sportarten bevorzugen Sie?

Kung-Fu habe ich lange Zeit gerne gemacht, davor Leichtathletik, das war cool, v.a. auf Wettkämpfen, wenn man dann einfach so losrannte …. Im letzten Jahr hatte ich wenig Zeit, aber jetzt bin ich ja im Sportverein und werde mal ein paar Sachen ausprobieren...

 

Was würden Sie Menschen raten, die erst später im Leben erblinden?

Wichtig ist, dass man sich beraten lässt, z.B. von sogenannten Reha-Lehrern. Die können einem Tipps geben, wie man Dinge weitermachen kann,  bzw. wie man lernen kann, auch als Blinder zu lesen, zu kochen.... Man muss dazu stehen und sich zusammentun. Zunächst will man nicht, dass andere die Behinderung bemerken, aber dann macht man sich das Leben nur schwer. Dann wirkt man besonders merkwürdig, wenn man plötzlich stolpert ... Besser man steht dazu und sucht sich Hilfe.

 

(Bild: fotolia)

 

Haben Sie eigentlich eine Frau oder eine Freundin?

Zurzeit nicht, ich hatte aber schon eine Freundin während der Schulzeit. Sie war auch sehbehindert, denn ich habe sie in der Blinden- und Sehbehindertenschule kennengelernt.

 

Haben Sie Kinder?

Nein, noch nicht. Aber ich bin erst 29, das kann ja noch kommen!

 

 

 

von links nach rechts: Lukas Reinhardt, Herr Bastian Gleitze und Finn Bless

 

Finn Bless und Lukas Reihardt von der IGS Garbsen (7. JG),  führten das Interview gemeinsam mit drei weiteren Schülerreportern vom Gymnasium Georgianum in Lingen (Marie Marks, Matilda Imwalle und Janis Budde) im Rahmen des Workshops "Schülerreporter 2.0" (Kultusministerium, VGH-Stiftung und HAZ/Neue Presse), der vom 10. - 11.2.2017 im Johannesstift in Hannover stattfand. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Bastina Gleitze für das Interview und bei den Lingener Schülern für die tolle Zusammenarbeit und die Tonspur!

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